100 000 Pilzarten gibt es angeblich auf der Welt. In Deutschland, Schweiz und Österreich alleine wachsen schon 10 000 Arten: Blätter-, Röhren-, Poren- Stachel-, Korallen- und Stabpilze. Doch keiner ist so sagenumwoben wie der Fliegenpilz.

  • Er atmet – gehört aber nicht zu den Tieren.
  • Er wächst zum Licht – ist aber keine Pflanze.
  • In seiner “Kindheit” schützt ihn eine spezielle Hülle: das Velum.
  • In seiner ” Jugend” sprengt er seinen größer werdenden Schirm und hervorkommt der typische rote Schopf von AMANITA MUSCARIA. Oder umgangssprachlich (ugs): Fliegenpilz.

Und alles schreit: “Händ’ weg, der is giftig!” Wirklich?

Tatsächlich gibt es keinen einzigen dokumentierten Fliegenpilztoten. Die Dosis, die ein einzelner Fliegenpilz enthält reicht gerademal für Magenschmerzen und Schwindel. Toxikologen und Botaniker vermuten, dass erst ein Verzehr von mindestens 10 Fliegenpilzen tödlich sein könnte.

In Labortests konnte erst vor kurzem nachgewiesen werden, dass das Gift von Amanita muscaria seine Wirkung im menschlichen Gehirn entfaltet: Ibotensäure und Muscimol sind die Wirksubstanzen des Fliegenpilzes. Sie gehören zu den sogen. Isoxazolen und haben große Ähnlichkeit mit dem Neurotransmitter g-Aminobuttersäure. Sie entfalten ihre Wirkung direkt in den Synapsen des Zentralnervensystemes.1 – 2 Fliegenpilze und du verhälst dich wie im Vollrausch

Euphorie, Schwindel, schwankender Gang, Muskelkrampf, Sehstörung. Zuständ’ wie beim Koma-Saufen. Trotzdem, oder gerade deshalb gibt es auch Wahnsinnige, die den Fliegenpilz gerade deshalb durchaus schätzen. Denn er verursacht auch Halluzinationen und – je nach Ausgangssituation – übermäßige Kreativität, sexuelle Lust, oder auch Aggression, Angstgefühle, Wutanfälle.

Amanita muscaria ist leider unberechenbar, denn sein Giftgehalt schwankt je nach Standort ordentlich.

Schamanen haben ein ganz spezielles Wissen über den Fliegenpilz. Pulverisiert ist er ekstaseauslösend und muskelstärkend und nach alter Schamanensitte aßen sie den Fliegenpilz und verabreichten ihren Patienten dann ihren Urin. Zwar unappetitlich, aber medizinisch vollkommen richtig: Die giftige Ibotensäure wird im Körper zu Muscinol umgebaut und wird im Urin verdünnt und bereits abgebaut verabreicht und ist damit nicht mehr halluzinogen.

Warum heißt der Fliegenpilz Fliegenpilz?

Ein Bauernkalender aus dem vorigen Jahrhundert verrät, wie der Fliegenpilz zu seinem Namen kam. Da steht nämlich zu lesen: Man nehme einen Fliegenpilz, zerscheide ihn in kleine Stücke und mische das Ganze mit gezuckerter Milch. Das Rezept war allerdings nicht für Unsereinen gedacht , sondern für, bzw. gegen die Fliegen im Kuhstall. Die gierigen Fliegen, angezogen von süßen Geruch der gezuckerten Milch, soffen was das Zeug hielt und Muscimol und Ibotensäure halfen dem Insekt schnurgerade ins Jenseits.

Szenewechsel: Japan

Was bei uns heute als “Pfui” gilt, ist dort ein Leckerbissen! Kein Schmäh! In Japan ist der Fliegenpilz (siehe Erwähnung, der Pilz ist unberechenbar, je nach Standort sind seine Inhaltsstoffe enorm unterschiedlich) ein hoch geschätztes Pilzgericht! Ein geschichtlicher Rückblick zeigt uns, dass es den Fliegenpilz auch auf deutschen Speisekarten gab. Wie das? War man früher nicht so zimperlich? Nix da, der Fliegenpilz ist auch heute noch essbar – so man d’rauf an Gusto hat – und wenn man weiß wie’s geht:

Das Gift ist in der roten Haut, die zieht man ihm ab, der Pilz wird in Stücke geschnitten, die man in Buttermilch einlegt und dann mit Fett in der Pfanne gedünstet. Dazu nimmt man aber nur junge Pilze, da sich bei älteren das Gift auch außerhalb des „Rotschopfes“ befinden kann.
Bon Appetite.