Gibt es noch Hoffnung für die Liebe? Vitalmagazin.at geht gemeinsam mit Paartherapeut Mag. Schaller dieser Frage nach. Lesen Sie diesen Beitrag und erfahren Sie, warum Sie in Sachen Liebe und Partnerschaft keinesfalls vorschnell die Flinte ins Korn werfen sollten!

Vitalmagazin: Hallo Herr Mag. Schaller, zunächst vielen Dank für Ihre Bereitschaft ein Interview mit Vitalmagazin.at zu führen. Sie sind seit 2005 klinischer Psychologe und beschäftigen sich mit Paar-Therapie. Für Vitalmagazin ist Ihr Tätigkeitsbereich ein spannendes und interessantes Thema. Wie kamen Sie dazu, sich hier zu spezialisieren?

Mag. Thomas Schaller: Nach meinem Studium der Psychologe habe ich bei der Arbeitsgemeinschaft für Verhaltensmodifikation in Salzburg eine Weiterbildung zum klinischen Psychologen und Gesundheitspsychologen absolviert. Ich hatte schon während des Studiums das Ziel mich einmal mit eigener Praxis selbstständig zu machen. In meiner selbstständigen Tätigkeit als klinischer Psychologe in freier Praxis habe ich dann schnell bemerkt, dass viele meiner Klienten Probleme in Ihrer Beziehung hatten. Das hat mich motiviert mich mehr mit diesem Thema auseinanderzusetzen, Vorträge und Kurse zu dieser Thematik zu besuchen und mich eingehend mit der wissenschaftlichen Forschung zu Beziehungsproblemen zu befassen. Da die Behandlung von Beziehungsproblemen nun sozusagen zu einem Spezialgebiet von mir geworden ist, war es nahe liegend für mich, Paartherapien anzubieten.

Vitalmagazin: Wie darf man sich eine typische Paar-Therapie vorstellen? Welchen Nutzen kann man daraus ziehen? 

Mag. Thomas Schaller: Eine typische Paartherapie gibt es eigentlich nicht, da ich versuche, möglichst individuell auf meine Paare einzugehen, wobei hier verschiedene wissenschaftlich anerkannte Methoden speziell aus der Verhaltenstherapie und systemischen Paartherapie zur Anwendung kommen. Am ehesten kann man sagen, dass die Paartherapien von mir dadurch gekennzeichnet sind, dass es mein größtes Anliegen ist, dass die Klienten ihre negativen Interaktionsmuster erkennen, um nicht nur mehr Verständnis für das Verhalten des Partners aufzubringen, sondern letztlich auch eine Veränderung der Interaktionsmuster zu bewirken. Ein wesentlicher Schwerpunkt der Paartherapie stellt neben der Verbesserung der Kommunikation auch eine Veränderung der Wahrnehmung des Partners dar. Der Nutzen einer Paartherapie kann vielfältig sein. In der Regel geht es um eine Verbesserung der Beziehung. Manche Paare erhoffen sich durch die Paartherapie jedoch eine Hilfe bei der Entscheidung, ob die Beziehung weitergeführt werden soll. Es geht hier meist um die Frage, wie viel an Kompromissen kann man in Kauf nehmen, um mit dem Partner noch zusammenbleiben zu können.

Vitalmagazin: Ihre Mission hat etwas Heldenartiges, angesichts der Tatsache, dass es in Österreich eine fast 50%ige Scheidungsrate gibt. Hier stellt sich die Frage, kommen die Ehe-Leute nicht rechtzeitig zu zur Paar-Therapie? Ist der Versuche einer Paartherapie etwas „Alibiartiges“ oder gibt es schlicht zu wenig Angebot auf diesem Sektor?

Mag. Thomas Schaller: Natürlich kommen die meisten Paare erst zur Paartherapie wenn der Hut brennt z.B. wenn sich der Partner trennen will, es zu einem Seitensprung gekommen ist, oder es Dauerstreit gibt. Es kommen jedoch auch immer mehr Paare zu mir, bei denen die Beziehung im Großen und Ganzen harmonisch verläuft, die jedoch Hilfestellungen im Beziehungsalltag suchen und meine Praxis mit klar definierten Fragestellungen aufsuchen zum Beispiel, wie gehe ich damit um, dass mein Partner mehr Freiräume in der Beziehung benötigt oder wie komme ich mit dem Ordnungszwang und Perfektionismus meiner Partnerin zurecht? Dieser Trend spricht meiner Meinung nach dafür, dass immer mehr Paare für Beziehungsprobleme sensibilisiert sind, was sicher auch daran liegt, dass die Partnerschaftsthematik in der Öffentlichkeit mehr diskutiert wird und das Interesse an Beziehungsratgebern und Seminaren im Steigen begriffen ist. So werden immer mehr Paartherapien in Anspruch genommen, wenn auch leider viele Paare die Chance einer Paartherapie noch nicht nützen und das Handtuch zu früh werfen, ohne sich vorher Hilfe bei einem Therapeuten zu suchen. Hier steckt sicher noch viel Potenzial für Paartherapeuten und es wäre wünschenswert, wenn in der Zukunft durch noch mehr Öffentlichkeitsarbeit das Bewusstsein in der Bevölkerung für die Wirksamkeit von Paartherapien geschaffen werden kann.

Dass fast jede zweite Ehe auseinandergeht,  liegt meiner Meinung nach nicht an einem zu geringen Angebot oder an fehlender Motivation der Paare, sondern ist durch einen gesellschaftlichen Trend bedingt, der unter anderem mit einem Wandel der Geschlechtsrollen, steigenden Ansprüchen an den Partner und dem Umstand, dass immer häufiger der Partner gewechselt wird sowie einer Neigung der Gesellschaft zu mehr Individualismus einhergeht. Es wäre also anmaßend zu glauben, dass durch die in Österreich tätigen Paartherapeuten, der Trend völlig aufgehalten werden kann. Man kann jedoch, wie gesagt, sagen, dass immer mehr Paare nicht nur die Chancen einer Paartherapie erkennen, sondern auch frühzeitig zum Paartherapeuten kommen und somit natürlich bessere Karten haben, ihre Beziehung zu retten.

Vitalmagazin: Gib es „den typischen“ Grund, durch den eine Beziehung in die Brüche geht oder was können wir lernen damit wir eine lange glückliche Beziehung führen können?

Mag. Thomas Schaller: Einen typischen Grund gibt es nicht. Vielmehr spielen meistens mehrere Gründe zusammen, dass eine Beziehung auseinandergeht. Oft stecken Gründe dahinter, die dem Paar vor der Paartherapie noch gar nicht bewusst waren wie beispielsweise Verlustängste aus der Kindheit. Dies in der Paartherapie herauszuarbeiten ist oft eine Herausforderung für den Paartherapeuten. Eine perfekte Beziehung gibt es ja ohnehin nicht. Es geht vielmehr darum, mit den eigenen Schwächen und Problemen in der Beziehung umgehen zu lernen und geeignete Strategien zu finden Konflikte zu entschärfen. Wichtig ist, natürlich auch die Stärken in der Beziehung zu entdecken und zu fördern.

Die wichtigste Voraussetzung für eine glückliche Beziehung ist die Kommunikation über die eigenen Gefühle und Bedürfnisse, durch welche ein Verständnis für den anderen ermöglicht wird, d.h. man kann sich dann besser in den anderen hineinversetzen und das Einfühlungsvermögen wird gefördert. Eine weitere Voraussetzung für eine glückliche Beziehung ist meiner Meinung nach, dass man sich seinen eigenen Projektionen bewusst wird und diese ändert (der Partner wird nämlich oft so gesehen, wie man ihn sehen will z.B. sieht ein Mann in seiner Partnerin eine potenzielle „Fremdgeherin“, obwohl diese keinen Grund dafür liefert). So lernt man, die Schuld nicht immer beim anderen zu suchen.

Vitalmagazin: Viele von uns „fallen“ immer auf denselben Typus von Partnern herein (zumindest empfinden wir das so). Kann das sein und wie vermeidet man solche „Reinfaller“?

Mag. Thomas Schaller: Oft sucht man wieder und wieder den gleichen Partner, weil man Konflikte aus der Vergangenheit (Kindheit, frühere Beziehungen) durch den neuen Partner lösen will. Wurde eine Frau zum Beispiel in der Kindheit vom Vater wenig beachtet, sucht sie nun unbewusst einen Mann, der ev. wenig Liebe zeigen kann und Freiräume benötigt. Sie wird nun vehement versuchen, diesen Mann dazu zu bringen, ihr Liebe zu zeigen. Konflikte sind vorprogrammiert und dies kann im schlimmsten Fall zu einer Trennung führen.

Ich glaube, es ist wichtig, sich ehrlich mit den eigenen oft unbewussten Wünschen und Erwartungen auseinanderzusetzen, um zu einem Erkenntnisgewinn (aha Effekt) über sich selbst zu gelangen, und zwar am besten möglichst früh in der Beziehung oder bereits, wenn man auf Partnersuche ist.

Vitalmagazin: Was raten Sie zur Früherkennung? Nüchtern betrachtet erkennen immer andere die Probleme rechtzeitig. Ist man selbst betroffen, scheint es so als wären wir blind. Selbsttäuschung? Oder wie schafft man es Mr. Right oder Mrs. Right zu finden? Bzw. zu erkennen, wer es nicht ist?

Mag. Thomas Schaller: Klar geht die Selbst- und Fremdwahrnehmung in vielen Fällen auseinander. Man hat gerade am Anfang von Beziehungen sehr oft blinde Flecken, das ist normal. Man denke nur, wenn man sich verliebt, da sieht man den Partner durch die rosarote Brille, so wie man ihn sehen will. Außerdem zeigt der Partner und man sich selber am Anfang natürlich von der Schokoladenseite. d.h. negative Verhaltensweisen werden am Anfang der Beziehung nicht gezeigt bzw. es ergeben sich noch nicht die Situationen, diese zeigen zu müssen z.B. punkto Unordentlichkeit oder Verlässlichkeit. Während das Umfeld bereits in der Verliebtheitsphase auch die anderen möglicherweise negativen Aspekte in der Beziehung sieht, werden diese von einem selber ausgeblendet.

Hat man nun die Schwächen des Partners erkannt, werden Sie einige Zeit verleugnet, bis der Moment kommt, wo man diese anspricht. Ich würde sagen, dass das ein relativ normaler Prozess ist. Problematisch wird es nur dann, wenn weiterhin die Realität verleugnet wird (z.B. dass ein Partner immer wieder fremdgeht oder sich aggressiv verhält), nur um den Partner nicht zu verlieren oder man z.B. aus Angst vor dem Alleinsein an einer unglücklichen Beziehung festhält. Hilfreich in diesem Fall zur Früherkennung ist, dass man die Situation in der Beziehung einmal aus der Vogelperspektive betrachtet und sich gegebenenfalls Hilfe von außen z.B. durch einen Therapeuten sucht. Eine realistische Einschätzung des Partners kann ein langer Prozess sein, der sich aber auf alle Fälle dann lohnt. Im Endeffekt gibt man auf, sich vor einer Enttäuschung zu schützen.

Vitalmagazin: Herr Mag. Schaller, sie sind selbst verheiratet – wie läuft’s eigentlich so? Sind sie glücklich? Was tun Sie, damit es so bleibt?

Mag. Thomas Schaller: Man kann jedoch sagen, dass ich einiges, was sich in meiner Beziehung bewährt hat, auch in meiner Praxis anwende. Auch umgekehrt, kann ich einige Erfahrungen, die ich durch die Paartherapien sammeln durfte, in meiner Beziehung berücksichtigen. Ja, ich führe eine glückliche Beziehung, was sicher auch daran liegt, dass ich das Glück hatte, einen Menschen zu finden, der mich ideal ergänzt und mit dem ich viele Werte gemeinsam habe. Damit eine Beziehung glücklich bleibt, sollte man, meiner Meinung nach, immer wieder an sich selber und an der Zufriedenheit mit sich selber arbeiten. Es ist erwiesen, dass Menschen, die mit sich selber mehr im Reinen sind und sich selber mehr respektieren, weniger vom anderen Partner erwarten, dass dieser diesen Mangel kompensiert z.B. wenn man sich selber liebt, ist man weniger abhängig von ständigen Liebesbeweisen durch den Partner.

Vitalmagazin: Vielen Dank für das anregende Interview. Es hat uns Freude gemacht, mit Ihnen zu sprechen und Sie kennenzulernen. Wir lernen daraus, dass es sehr wohl Sinn macht in die bestehende Partnerschaft zu investieren, miteinander zu reden und etwas Einfühlungsvermögen zu zeigen. Herzlichen Dank für Ihre Tipps und Anregungen. 

Mag. Thomas SchallerPsychologische Praxis Mag. Thomas Schaller
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