Ich weiß nicht, ob Ihnen bereits jemand die Instruktion zu dem Gedankenexperiment, sich NICHT einen rosa Elefanten vorzustellen, gegeben hat – aber Sie werden mir bestätigen können, dass man nicht nicht an das Bild dieses in der Natur ungewöhnlichen Tiers denken kann. Das Gehirn speichert also hartnäckig Informationen ab, gleichfalls ob sie mit einer Negation verknüpft werden oder nicht.

Lernen und Vergessen

Das Selbstexperiment Teil 1Ich habe Ihnen im letzten Beitrag (Selbstexperiment: Lernen und Vergessen – Teil 1) eine positive und eine negative Instruktion gegeben – nämlich zuerst etwas zu lernen (+) und es dann wieder zu verlernen bzw. zu vergessen (-). Das Vergessen, hier also ein bewusster aktiver und nicht passiver Prozess, wird Ihnen in der von mir gewünschten Form nicht gelungen sein. Es ist sogar davon auszugehen, dass meine kontraintuitive zweite Instruktion, dazu geführt hat, dass sie sich die Wortliste aus dem 1. Beitrag noch BESSER eingeprägt haben.

Bevor Sie nun den Beitrag zu Ende lesen, möchte ich Sie einladen an einem Test teilzunehmen, um zu überprüfen, ob die in diesem Beitrag angeführten Thesen zum Lernen und Vergessen gestützt werden können oder nicht! Bitte nutzen Sie diesen Link zum Test und Sie haben vielleicht selbst die Gelegenheit, etwas Erstaunliches über Ihr Lernverhalten herauszufinden!

Andernfalls lesen Sie jetzt bitte weiter:

Ist „Vergessen“ schlecht?

Der Begriff „Vergessen“ ist in unserer Gesellschaft, insbesondere im Bereich der Schule und des Lernens fast ausschließlich negativ konnotiert und wird mit einer Fehlleistung gleichgesetzt. Als aufmerksamer Sprachcoach habe ich vier recht alltägliche Beispiele des deutschen Sprachgebrauchs samt Deutungen zur Veranschaulichung dieser These gewählt:

„Tut mir leid, ich habe meine Hausaufgabe vergessen!“ – Interpretiert der Lehrer als Unaufmerksamkeit bzw. Faulheit des Schülers.

„Tut mir leid, ich habe vergessen, wann Rom gegründet wurde“ – Wird vom Lehrer als Dummheit bzw. Faulheit des Schülers interpretiert.

Die außerschulischen Fehlleistungen, den eigenen Hochzeitstag vergessen zu haben oder den Drehschalter am Herd (Vergesslichkeiten des Alltags in erster Linie durch zwei miteinander konkurrierende Gedächtnisprozesse), mögen unverzeihlich sein oder gar zu gefährlichen Situationen führen, in der Regel ist Vergessen aber nicht tragisch. Laut Forschung handelt es sich dabei um einen Gedächtnisspurenverfall oder Interferenzen (störende Überlagerungen von Eindrücken und Erinnerungen).

Positiv können wir das Vergessen werten, wenn es uns etwa gelingt, etwas Negatives verarbeitet zu haben. Ein versöhnliches „Vergiss es! Das ist doch kein Problem“ kann die vernünftige Reaktion Ihres Partners darauf sein, wenn sie den Hochzeitstag vergessen haben, weil sie gerade von beruflichem Stress geplagt werden. Aussichtslose Situationen können wir mit einem beschwichtigenden oder vermeidenden „Das kannst du vergessen!“ abtun.

Vergessen bietet auch die Möglichkeit von sinnvollen Überlagerungen (die Festplatte wird nicht gelöscht – ja auch auf Ihrem PC können mitunter verloren geglaubte Inhalte wieder zurückgewonnen werden), wenn Platz für neue Inhalte geschaffen werden soll. Sich die Telefonnummer Ihrer Jugendliebe auf ewig zu merken, mag bestenfalls ein sentimentaler Beweis von Loyalität sein, führt sie wohl aber heute nicht mehr zurück zu ihr.

Kommen wir zurück zur Wortliste aus dem 1. Beitrag: Wir könnten die darin enthaltenen Wörter nun auch nach ihrem Grad an Originalität und ihrer Neuartigkeit einschätzen lassen, klar und wahrscheinlich ist aber jedenfalls, dass sie sich das Wunderwachs eher gemerkt als den Hausschuh, der als gewöhnlicher Gebrauchsgegenstand im Strom des Alltags untergeht (sorgen Sie also stets für einen originellen Rahmen beim Lernen!). Unter Umständen können Sie sich ferner nicht mehr erinnern, ob Hausschuh oder Turnschuh in der Liste stand (denn dies sind bedeutungsähnliche Inhaltsträger und führen zu Lernhemmungen).

Vorhergehende Überlegung möchte ich jedoch mit einer kleinen Einschränkung versehen: Sollten Sie in dieser Woche, in welcher Form auch, mit Hausschuhen konfrontiert worden sein– so wurden Sie womöglich an die Wortliste erinnert und ärgerten sich vielleicht, durch diese Erinnerung vom Auftrag, die Wörter zu vergessen, abgewichen zu sein (Lernen durch Wiederholung und örtliche Bezüge). Die Wahrscheinlichkeit ist überdies sehr groß, dass Ihnen bei der Erinnerung an den Hausschuh auch weitere Wörter der Liste wieder einfielen (Lernen oder Abruf der Information durch Assoziationsketten!).

Bewusst habe ich zwei Fehler in den letzten Beitrag eingebaut – es stellt sich nun die Frage, ob Ihnen diese aufgefallen sind:

Die Wahrscheinlichkeit, sich das Wort Kulturbeutl zu merken, ist größer, wenn es falsch geschrieben wird, als in der orthographisch richtigen Form! Auch der ohne Bezug zum eigentlichen Thema gewählte Schluss des Beitrags beinhaltet einen Rechenfehler und erhöht damit die Wahrscheinlichkeit sich diese Information über den Saturnmond Pan einzuprägen, denn was Sie nicht erwarten, hilft Ihnen beim Merken!

Was ich Ihnen in erster Linie mit meinen ersten Beiträgen demonstrieren wollte, ist:

1. Schaffen Sie sich also ein originelles (und nicht unbedingt perfektes) Lernumfeld sowie

2. Haben Sie ja keine Angst vor dem Vergessen – so bedrohlich Ihnen dieses alltägliche Phänomen auch erscheinen mag! Seien Sie entspannt und haben Sie Spaß – das ist die beste Rezeptur!

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